Die Katastrophe


Der Krieg der Götter war die schrecklichste Katastrophe, die dem einstmals lebensspendenden Land hätte passieren können.

Die Geschichte dieses Krieges beginnt vor vielen hundert, vielleicht tausend Jahren. Niemand weiß es, denn es gibt keine Aufzeichnungen darüber. Erst seit der erste Assra-Tar endlich einen Fuß vor die Tore der Kaste gesetzt hat, werden wieder Aufzeichnungen gemacht, die von der neuen Zeitrechnung profitieren können. Während der isolierten Zeit gab es keinen Grund und keine Hoffnung darauf, jemals wieder mit einer besseren Zeit zu rechnen und da sich das Wetter nicht mehr an Jahreszeiten hielt, war es sinnlos, einen Kalender einzuführen.
Erst seit der neuen Zeit werden die Schriften wieder nach Daten geordnet.

Als Aleksor den Betrug Si’Yahrs und die dadurch entstandene Erschütterung im Gefüge wahrnahm, war es bereits zu spät. Der Vater rief seine Kinder zusammen und befahl ihnen, gegen ihren verräterischen Bruder und die abtrünnigen Schwestern in den Kampf zu ziehen. Die Götter gehorchten dem Vater und brachten ihre Ernten ein - jeder von ihnen rief sein Volk auf, in den Krieg gegen den Norden zu ziehen.
So kam es, dass jeder Shim, der auf dem Rücken des Drachen wandelte, zu den Waffen griff und sich gen Norden aufmachte.
Sie marschierten alle. Von dem hypnotisierenden Ruf ihres Schöpfers getrieben machten sie sich auf, Krieger in dieser göttlichen Schlacht zu werden. Zunächst gingen die Männer, während die Frauen und Kinder zurückblieben und sich um die Versorgungswege kümmerten. Die Alten und Kranken wurden mit leichteren Arbeiten betraut, doch absolut jeder trug seinen Teil dazu bei, den Göttern zum Sieg zu verhelfen.

So gab Aleksor den Menschen den dunklen Stahl in die Hände und zog mit ihnen in die Schlacht.
So führte Valias die Va’shim mit feurigem Eifer in den Krieg.
So bereitete Davos die Nachtwandler auf das Morden vor.
So befahl Menoa ihren Witterelfen zum Schutz der Bedürftigen zu kämpfen.
So vereinte Kiras Ki’tar und Ken’tar in einem großen Heer für den ultimativen Kampf ums Überleben.
So erklärte Simahr seinen Si’shim, dass die Gerechtigkeit siegen müsse und schickte sie an die Front.

Auch der dunkle Vater duldete keinen Widerstand.
Aus dem ganzen Land holte er seine versprengten ehemaligen Untergebenen heran. Einige wenige waren ihm in die Verbannung gefolgt und nun - durch seinen Zorn, den Hass, den Wahnsinn und das Blut, das er ihnen gab - waren sie verändert.
Diese Dämonen waren die ersten ihrer Art und dem Vater des Blutes so treu ergeben wie niemand sonst. Sie hatten sein Leid, sein Schicksal, seine Verdammung geteilt und er hatte sie mit einem Schluck seines Blutes belohnt, so sagt man.
Sie waren einst Menschen; nun waren sie perverse Monstren, deren einziger Antrieb der Hass des Sohnes auf den Vater war, dessen Abkömmlinge sie selbst einst gewesen sind. Shihm, der als Bewahrer der Menschen und ihrer Gefühle erschaffen wurde, hatte seine Verpflichtung endgültig niedergelegt und sich sein eigenes Volk erschaffen.

So schickte Shihm seine liebsten Kinder, die Dämonen aus, um das Land zu unterwerfen und die ehemaligen Städte in Heerlager zu verwandeln.

Si’Yahr, die Mutter der Seelen war in ihrer Agonie so vertieft, dass Shihm sie zwang, einen neuen Anfang mit ihm zu wagen. So entschied auch sie sich für den Verrat am Vater und gab ihre Verantwortlichkeit gegenüber den menschlichen Seelen auf. Sie gab dem dunklen Drängen nach und vereinigte sich mit Shihm; half ihrem Bruder, indem sie ihm Soldaten für den Krieg zur Verfügung stellte.

So griff Si’Yahr nach den Seelen der Toten und steckte sie gewaltsam zurück in ihre Körper; erschuf die Untoten und jagte sie über das Land, um mit Angst und Schrecken den Nordkontinent für ihren Gefährten zurückzuerobern.

Fie lies sich vom Eifer ihres Bruders anstecken und ging auf seine Forderung ein, ihm Soldaten und Maschinen zu bauen. Durch Chaos und Kreativität entzückt, stellte sich die Göttin zunächst freiwillig unter die Herrschaft des dunklen Shihm und kehrte ihrem Vater Aleksor den Rücken. Ihre Aufgabe aber vernachlässigte sie nicht und wachte weiterhin über Schöpfungskraft und Zerstörungspotential der Menschen. Nur stellte sie ihre motivierenden Fähigkeiten dem falschen Heer zur Verfügung und ließ die Waage in Richtung dunkler Legionen kippen.

So befähigte Fie die Menschen auf Seiten der abtrünnigen Götter zu unglaublichem Schaffen und ließ sie Kriegsmaschinen von erheblicher Kraft erbauen, um ihre Gegner in die Knie zu zwingen.

So sammelten die Götter ihre Krieger und zogen gegen das jeweilig andere Heer in den Kampf. Der Kampf war länger und härter als erwartet und so trafen die Armeen Welle um Welle in der Mitte des Kontinentes aufeinander. Immer mehr Shim wurden rekrutiert um den Göttern als Krieger zu dienen, doch kaum ein Fortschritt wurde gemacht. Elitekämpfer drangen in das besetzte Gebiet des Feindes ein, rückten vor, und wurden vernichtet. Manche kamen zurück und berichteten, und ein Wettrüsten hob an. Forts, Burgen und Festungen wurden erbaut. In Scharen pilgerten die Shim zu den Stätten der Macht und den Tempeln der Götter auf dem jeweiligen Kontinent. Material wurde von überall aus dem Land genommen und so kämpften sie, nichts anderes denkend und fühlend - viele Generationen lang.
Und als die Kinder auf den Leichen ihrer Vorväter kämpften, da entschieden sich die Götter selbst auf das Schlachtfeld zu treten und den Krieg ein für alle Mal zu beenden. Die erste Entscheidung aber traf Fie. Die Göttin sah das jahrzehntelange Leiden und Flehen der gepeinigten Shim und konnte es nicht mehr ertragen. Sie kam für sich zu dem Schluß, einen schweren Fehler gemacht zu haben, und wankelmütig wie sie war traf sie für sich selbst eine folgenschwere Entscheidung.
Der Mord der Göttin…
…an sich selbst…
…erschütterte die Welt.

Fie’s Opfer tauchte die Welt in Götterblut. Es färbte den Himmel langsam und rann unter den Horizont. Es berührte Himmel, Wasser und Erde - wie es zuvor nur Edeja selbst und Aleksor vermocht hatten.
Und die Elemente bebten, als ihnen die Energie wieder zugeführt wurde, die einst aus ihnen genommen worden war.
Man sagt, es gab ein langes Schweigen, als sich die Kämpfenden der plötzlichen Abwesenheit von Chaos und Kreativität bewusst wurden. Ja, schweigend beobachteten sie, wie das Blut der Göttin den Himmel entlang tropfte, das Meer in dunkles Rot tauchte und am Ende die Erde sengend heiß erscheinen liess.
Das ist das Abendrot, die Zeit der Trauer und Andacht. Jeden Tag aufs Neue taucht sich die Welt in dieses Rot, erinnert an die Vergangenheit und warnt vor der Zukunft.

Nun hatten die Götter genug, alle von ihnen. Sie gingen aufeinander los in glänzenden Rüstungen und mit erhobenen Waffen und vernichteten sich gegenseitig.
Als sie schließlich fielen wurde ihnen bewusst, dass sie den Kindern, ihren Kindern, etwas geben mussten. Denn in ihren letzten Momenten erkannten sie endlich, was aus der Welt geworden war, die sie ihren Kindern hinterließen.
Und was geschehen würde, wenn sie nicht mehr sein würden.
So ließen die sterbenden Götter ihre eigene göttliche Macht auf den Kontinent herabregnen, wo sie in der Erde versickerte, Tiere und Shim traf und Dheva-Tar, Assra-Tar und die heiligen Steine erschuf.

Doch der Krieg hatte seine Spuren hinterlassen. Große Narben klaffen in dem Fleisch des Kontinentes und die meisten Rohstoffe, die Edeja zu bieten hatte, sind aufgebraucht. So gibt es beispielsweise keine bekannte Erzader mehr. Alle Vorkommen sind während des Krieges aufgebraucht worden und alle heutigen Erzeugnisse werden mühsam durch die Anwendung von Macht aus alten Fundstücken wieder hergestellt. So kommt es, dass Ödländer eigentlich nie Metallwaffen besitzen. Selbst wenn sie Erz finden würden, wüssten sie nicht, wie sie damit umgehen sollten.
Weitläufige Wüsten sind entstanden, durch den radikalen Abbau von Stein und der Abholzung von Wäldern zum Bau von Festungen und befestigten Städten.
So ist auch das Ödland entstanden, in dem nur die vom Krieg Wahnsinnigen zurückgelassen wurden, denen man nicht mehr helfen konnte. Ihnen war der Tod gewiss und so überließ man sie der Welt ohne Götter mit Tränen in den Augen und nahm mit, was man tragen konnte. Die toten Götter trugen sie auf ihren Schultern zurück in ihre Festungen und machten sie zu Tempeln; die ehemaligen Gemächer wurden ihnen zu Gräbern und Ruhestätten. Die ersten Assra-Tar, die auszogen, um die verlorenen Tränen zu suchen hatten den Traum, dass wenn sie nur alle heiligen Steine einsammeln und bei den Leibern der erstarrten Göttern niederlegen könnten, diese wieder auferstehen und die Welt von neuem beleben würden. So handeln die Assra-Tar noch heute und bereisen das öde Land in dem Wissen, dass ihre Aufgabe die letzte Hoffnung für die verlassenen Lebewesen auf dem sterbenden Kontinent ist…