Die fehlenden Stücke
Die Welt von Himmelsstürmer befindet sich in einem desolaten Zustand.
Der Kontinent Edeja, der das einzige bekannte Land ist, wurde dereinst erschaffen um die drei Urelemente Erde, Wasser und Himmel wieder zu vereinen. Es ist der einzige Ort, den alle drei berühren und ward einst zur Heimstatt Aleksors, des ersten Gottes.

Doch nach dem Krieg der Götter ist auf Edeja nichts mehr, wie es einst war.
Das Verschwinden der Götter hatte auch den Zusammenbruch der Realität zur Folge. Schatten, Licht, Leben, Gleichgewicht und Recht waren nur durch die Götter nach Edeja gekommen und nach dem Fall des Urvaters und seiner Kinder ist kein Aspekt der Welt mehr in einem stabilen Zustand.

Was Eins war ist zerborsten, denn Aleksor ist nicht mehr.
Die Nacht fühlt sich nicht mehr ruhig, dunkel und sicher an, sondern ist ein Ort voller Unsicherheit, benebelnder Düsternis und Trübsal geworden, denn Davos ist nicht mehr.
Der Tag ist nicht mehr lebendig, klar und hell, sondern erstickend heiß, verschwommen und erschöpfend, denn Valias ist nicht mehr.
Die Tiere und Pflanzen sind nicht mehr in und auf lebensspendender Erde gebettet, sondern sind wilden Wetterverhältnissen ausgesetzt, die keinem Naturgesetz zu folgen scheinen. Die von Willkür geschüttelten Landstriche versengen unter brennender Sonne, ersticken ohne einen Tropfen Regen oder siechen als schwammige, überschwemmte Öden dahin, die immer wieder von Kälteperioden heimgesucht werden, denn Menoa ist nicht mehr.
Es gibt keinen Fortpflanzungsrhythmus mehr, dem sich die Lebewesen unterwerfen könnten, man muss sehen, wie man mit einer möglichst günstigen Periode zurecht kommt. Das Gleiche gilt für die dort lebenden Menschen, die weder Ackerbau noch Viehzucht gewinnbringend betreiben können, da ihnen jegliche Möglichkeit fehlt, die Stimmungsschwankungen der gepeinigten Welt vorauszusehen. Krankheit und Unfruchtbarkeit breiten sich ungehemmt aus, denn Kiras ist nicht mehr.
Dementsprechend gibt es auch keine Gerechtigkeit mehr in diesem ödem Land jenseits der Kastenmauern, denn nur der Stärkste überlebt den nächsten Tag und fühlt sich berechtigt das Leben anderer zu nehmen, denn Simarh ist nicht mehr.
Die Gefühlswelt der Menschen ist in Aufruhr und Wahnsinn und Hass greifen um sich, denn Shihm ist nicht mehr.
Die Seelen der Toten wandern ruhelos umher, werden vom Vortex aufgesaugt und leiden ewige Pein,oder kehren gar zurück in ihre Körper, denn Si’Yahr ist nicht mehr.
Kein von Shimhand erbautes Konstrukt hält sich und es ist nicht möglich Neues zu erfinden. Die Kreativität zerrinnt zwischen den Händen oder entlädt sich in größenwahnsinnigen Gräueltaten, denn Fie ist nicht mehr.

Wenn die jungen Adepten ihre ersten Schritte ins Ödland machen werden sie in der Regel von Angstzuständen gepackt. Das unendlich weite Land ohne ersichtliche Grenzen macht ihnen Angst; sind sie selbst doch hinter festen, beschützenden Mauern aufgewachsen.
Das blanke NICHTS, als das das Ödland auch oft bezeichnet wird, steht in krassem Gegensatz zu der lebendigen Vielfalt, die sie aus ihrer Heimat gewöhnt sind.
Wenn man aufwächst und gewohnt ist, dass der Blick, egal wohin man schaut, eigentlich immer irgendwo von etwas begrenzt wird, dann ist es schwer, die scheinbare Unendlichkeit des Ödlandes zu verkraften.
Man sagt, dass Sterbliche diese Eindrücke kaum lange Zeit ertragen können. Bei den wenigen Sterblichen, die außerhalb der Kastenmauern arbeiten, stellen sich recht schnell Depressionen und Wahnvorstellungen ein. Daher werden die Karawanen, die von Kaste zu Kaste ziehen, um die Tempel mit Waren zu versorgen, auch jedes Mal mit neuen Leuten besetzt und die Händler ruhen sich für mehrere Monate aus, bevor es wieder nach Draußen geht.

Außerhalb der Kastenmauern ist ein Überleben kaum möglich. Nur Orte, die unter dem dauerhaften Schutz der Assra-Tar stehen wie Forts oder befestigte Siedlungen im Umland der Kasten sind bewohnbar. Der Segen eines Götterkindes kann die Herzen der Sterblichen mit Hoffnung und Mut erfüllen und sorgt außerdem dafür, dass die Realität wieder ein wenig in geordneten Bahnen verläuft.
Dennoch ist das Leben außerhalb der Einflussgebiete der Kasten ein hartes Los. Umso weiter man sich von den Ruhestätten der Götter entfernt, desto unsteter wird das Gefüge der Realität. Die Fragmente des Lebens richten sich in chaotischer Agonie gegen jeden der versucht ihnen zu trotzen.

Die Ödländer allerdings leben dauerhaft im wilden Land und schaffen es irgendwie zu überleben. Allerdings kann man nicht davon sprechen, dass sie ungeschoren davonkommen würden; der Wahnsinn der Ödländer zeigt sich nicht immer im ersten Moment, aber es ist offensichtlich, dass niemand die Abwesenheit der Götter unbeschadet überstehen kann. Und so fehlt den wilden Leuten jegliche Zivilisation und Kenntniss von Recht und Ordnung, was sie zu gefährlichen Gegnern und einer unberechenbaren Gefahr werden lässt.
Ob man diese bemitleidenswerten Geschöpfe retten kann ist fraglich. Die Götterkinder geben sich alle Mühe, ihnen den rechten Glauben zurückzugeben und ihre verwirrten Seelen wieder auf den richtigen Pfad zu führen, damit wenigstens ihre Kinder wieder Hoffnung und Mut schöpfen können. Aber unbegreiflicherweise sind einige der dort draußen Lebenden so verwirrt, dass sie heftigsten Widerstand gegen die Assra-Tar leisten und in ihrem dummen Trotz gnadenlos vernichtet werden.
Solche Augenblicke mögen schmerzen, denn es ist ja der Willen und die Aufgabe der Götterkinder, dem sterbenden Land zu helfen. Doch es bleibt keine Wahl und am Ende nur die Hoffnung auf die neue Zeit, in der sich die Götter von Neuem erheben werden um ihren Kindern wieder eine geordnete Welt zu schenken, in der sie glücklich leben können.