Einwohner
Das Ödland ist voller Gefahren und jene, die dort leben, müssen andauernde Perioden von Mangel und Leid erdulden. Der karge und vernarbte Rücken des Drachen ist eine höchst lebensfeindliche Umgebung ohne sichere Zuflucht.

Die Ödländer, wie die Kastenbewohner die humanoiden - meist menschlichen - Bewohner des kargen Landes außerhalb der Mauern nennen, sind die Überbleibsel der Opfer des Götterkrieges. Nachdem einige der Kämpfenden von den Tränen der Götter gestreift wurden, bemerkten sie das Verschwinden der Macht jener und begriffen das Ausmaß der Katastrophe. Diese ersten Assra-Tar mussten, vom roten Schleier befreit, erkennen, das nur wenige Shim das generationenwährende Blutvergießen überstanden hatten.
Durch die Vernachlässigung ihrer selbst hatten sich ganze Zivilisationen zurückentwickelt und der Hass der Götter auf einander hatte Generationen von Shim in eine Raserei des Blutes getrieben. Mit dem Aufatmen der sterbenden Götter flossen ihre Tränen gen Boden und wischten den Schleier fort. Einigen pflanzte sich eine Träne mitten ins Herz - sie waren die ersten Assra-Tar.
Doch wenige von den verbliebenen Kriegern waren noch in der Lage klar zu denken oder aufrecht zu gehen. Sowohl ihre Körper als auch ihr Geist und ihre Seelen waren von einem Leben in Hass, Gewalt und Krieg gezeichnet, denn keiner von ihnen kannte noch eine andere Zeit. Da der Krieg keinen lebenden Shim verschont hatte, brachen viele Alte und Schwache, Kranke und Kinder einfach zusammen, als die Tränen den Schleier fortgewischt hatten.
Die frisch erhöhten Götterkinder hatten nun die schwere Aufgabe aus jenen, die sie fanden, auszuwählen, wer noch genug geistige und körperliche Gesundheit besaß, um weiterzuleben.
Die Assra-Tar nahmen also schweren Herzens mit, wen und was sie mit sich zerren konnten, beluden wackelige Karren und spannten entkräftete Tiere ein, um ihre toten Götter zurück in ihre Tempel zu tragen.
Wer nicht von diesen Karawanen in eine der acht Kasten getragen wurde, der blieb - meist dem Tode näher als dem Leben - auf den Schlachtfeldern zurück.

Lange Zeit haben die Götterkinder sich nicht erträumen lassen, dass auch nur einer der zurückgelassenen Shim überlebt haben könnte…

… doch wenige schafften es, sich dieser gottlosen Umgebung anzupassen, und weiterhin zu existieren.
Doch zu welchem Preis?

Über Jahrhunderte hinweg war das Land, und somit auch dessen Bewohner, sich selbst überlassen, geschüttelt von verheerenden Auswirkungen des Fehlens göttlicher Macht. Die Shim, die in dieser Umgebung meist ohne Erinnerung an das, was geschah, aufwuchsen, konnten den Weg zu den Göttern nicht mehr finden.
Von der Auswahl der Götterkinder ausgeschlossen, waren sie zum Sterben verdammt, und widersetzten sich in ihrem grenzenlosen Lebenshunger diesem Urteil. Unwissend und verwirrt, von Missbildungen gezeichnet und ohne das Wissen um Zivilisation, Kultur und die Errungenschaften ihrer Vorväter, mussten diese Shim noch einmal von vorne beginnen.
Niemand weiß, wie es überhaupt geschehen konnte, das Shim ohne den Segen der Götter überlebten und die Kasten denken unterschiedlich darüber, wie mit den Ödländern zu verfahren ist.
Da die Menschen es am ehesten gewöhnt waren, ohne den Einfluss der Götter zu existieren, überlebten von ihnen die meisten. Die anderen Völker allerdings hatten es sehr viel schwerer, ohne den Lebensfunken ihres jeweiligen Gottes zu bestehen, und die meisten von ihnen verschwanden völlig vom Rücken des Drachen.
Andere, so wie Orks und Knochenelfen, allerdings hatten nach einer recht kurzen Zeit, in der ihr Volk entstanden war, nun allein zurecht zu kommen. Diese nur für den Krieg erschaffenen Shim mussten nun, wo der rote Schleier von ihnen genommen war, mit ernsthaften Problemen kämpfen - allen voran ihre bloße Existenz.

Am Ende blieben fast nur die Menschen und die Orks übrig, während die meisten anderen Völker vom harten Leben im Ödland vom Rücken des Drachen entfernt wurden. Es gibt vereinzelte Stämme von Ki’Tar, Ken’Tar, und Witterelfen im Ödland. Man erzählt sich von Knochenelfensiedlungen im entfernten Nordland und murmelt etwas über Simaritennester in der Nähe des Subskethengebirges.
Nur Mythen und Legenden ranken sich um die Da’Shim und die Va’Shim. Man erzählt sich die Nachtwandler seien einst untergetaucht und hätten so gut wie alle den Weg zurück zum Tempel der Nacht gefunden.
Die Lichtelfen allerdings behaupten stolz, sie hätten keinen einzigen der Ihren sterbend zurückgelassen, sondern jeden Einzelnen zurück in ihren Tempel der Sonne gebracht. Man munkelt auch, dass die stolzen Va’Shim den Anblick Jener ihres Volkes, die verrückt geworden waren, nicht ertragen konnten, und jedem einzelnen die Kehle durchgeschnitten hätten. Aber im Angesicht des Wahns und in Aussicht auf einen langsamen und qualvollen Tod in einer zum Sterben verurteilten Welt, mag das nicht das schlechteste Schicksal gewesen sein.

Die Ödländer die heute draußen in den verwüsteten Ebenen leben, haben ganz unterschiedliche, primitive Kulturen entwickelt. Sie organisieren sich meist in Stämmen und Sippen, ziehen nomadisch umher oder besiedeln über mehrere Jahre einen Streifen Land.
Eine Karte vom Ödland zu zeichnen ist auch deshalb so schwer, weil es eine dauerhafte Besiedelung durch seinen Wankelmut nicht zulässt. Man erzählt sich es seien schon ganze Dörfer einfach von einer sich plötzlich auftuenden Erdspalte verschlungen worden.
Ohne Vorwarnung.
Erbarmungslos.
Wetter und klimatische Bedingungen können sich von Zeit zu Zeit sprunghaft verändern und einen festen Jahreszeitenwechsel gibt es nicht. So ist es den Ödländern kaum möglich, sesshaft zu werden. Die einzige Ausnahme sind die kolonisierten Gebiete im Einflussbereich der Kasten. Der Einfluss der ruhenden Götter und die Ansammlung der Macht ihrer Kinder sorgen dafür, dass der Rücken des Drachen ein wenig besser heilen kann und sich den Bewohnern gegenüber besänftigt zeigt. Aber diese Areale sind eher klein verglichen mit der schier endlosen Weite des Ödlandes.

Protektor Darrin ‘Der Wanderer’, einst einer der ersten Assra-Tar, die ernsthaft versuchten, das Ödland zu erfassen, soll einst mitten in einem Sandsturm in einer staubigen Wüste im Süden des Kontinents auf die Knie gefallen sein. Er habe die Hände mit den schweren ledernen Handschuhen zum Himmel gereckt und im Beisein seines Trupps erfahrener Soldaten gebrüllt:

‘Verflucht seihst du, ödes Land!
Wie kann es sein, dass ein verfluchter Ort, wie diese Wüste,
so unendlich erscheint wie Sama selbst!
Wie kann sich nur dieser gottlose, nunmehr verfluchte Zustand,
ausbreiten wie ein Pilz, der morsches Holz befällt
und sich anmaßen die würdevolle Unendlichkeit
der Elemente vorzugaukeln!’

Die Einwohner des Ödlandes sind meist ausgemergelte, jedoch äußerst zähe Menschen, die in Erscheinung und Physis stark variieren können. Die meisten Stämme haben sich dem Leben einer bestimmten Region im Ödland angepasst.
Manche wurden von den Kasten gefunden und waren groß und nah genug, dass sie missioniert wurden und nun einen Seelenstein tragen und die Guten Götter anbeten. Andere wiederum leben zu weit entfernt von den Stätten der Macht, als dass man sie beständig zu Gläubigen machen könnte.

Es gibt zum Beispiel den Stamm der Siecher, der in den Ausläufern der Nebelsteppe ganz im Norden des Südkontinentes lebt. Diese dürren, sehnigen, relativ großen, jedoch gebückt laufenden Menschen haben eine graue Haut und schütteres Haar. Sie sind fast blind, aber ihre anderen Sinne sind sehr gut. Über Generationen hinweg haben sie sich dem Leben in der Nebelsteppe angepasst, einem Leben in ständiger Kälte, Unsicherheit und Umnachtung.
Ihre Riten sind streng und die Guten Götter sind ihnen fremd, doch es gibt Aufzeichnungen darüber, dass sie eine Art Si’Yahr-Kult betreiben. Assra-Tar, die auf diesen bizarren Stamm getroffen sind, haben mitunter geglaubt, von Ghulen umringt zu sein. Die Siecher entwickelten nie ein Interesse an Kunstfertigkeit und auch nicht an Kleidung. Sie tragen speckige Lederlendenschürze und Bandagen. Wenn es kalt wird, decken sie sich zu mehreren mit Fellen zu.
Ihre Waffen sind primitive Speere und Bögen, die mit schwarzen Steinspitzen versehen sind. Aber unterschätzen sollte man sie nicht, denn immerhin jagen und töten die Siecher sogar Sandmuränen mit ihren primitiven Waffen.
Doch an der Missionierung solch degenerierter Shim haben die Kasten wenig Interesse und so trägt kein Siecher einen Seelenstein.

Dann gibt es den seltsamen Stamm der Si’llem. Die Si’llem sind sehr kleinwüchsige, stämmige, jedoch schmächtige Ödländer, die platte Gesichter haben, fast so wie Orks, und dennoch Menschen sind. Ihre Augen sind mandelförmig, ebenfalls wie die von Orks und es ist schwer davon auszugehen, dass sich solche in ihrer Ahnenreihe finden lassen.
Die Si’llem leben im tiefen Südkontinent, dort, wo die unbarmherzige Wüste beginnt. Sie sind ein bemerkenswert friedfertiger Stamm von Ödländern und wurden von den Wächtern des Lebens weitgehend missioniert. Am Rand dieser Wüste, die selbst die Assra-Tar fürchten weil sie unendlich zu sein scheint, steht ein Fort der Hüter, das Tautropfen genannt wird.
In Tautropfen sind fast ausschließlich Hüter stationiert, die sich um die Erschließung der Wüste kümmern, jenem Ort, an dem der Rücken des Drachen unwiederbringlich vernarbt zu sein scheint. So stammen die meisten Aufzeichnungen und Erkenntnisse über die Si’llem von den Wächtern des Lebens.

Mirai ‘Morgenblüte’ im Range einer Regentänzerin, Leiterin des Forts Tautropfen schrieb einst in einem Brief an einen befreundeten Archonten in Tana’ar:

‘Die Si’llem sind einzigartige Shim. Sie ehren die Natur und haben gelernt mit den Entbehrungen des Ödlandes zurechtzukommen. Sie sind außergewöhnlich begabte Handwerker und stellen Leder- und Töpferwaren her, die mit beeindruckender Sorgfalt und Kreativität verziert werden. Außerdem beherrschen sie das Seilerhandwerk und haben sogar eine Art Steigbügel für ihre Katuras entwickelt, selbst wenn sie keine Sättel haben.
Die Si’llem werden auf Grund dieser Fertigkeiten oft von größeren und brutaleren Stämmen überfallen, die die Kunstfertigkeit der kleinen Kerle zu schätzen wissen, jedoch nicht daran interessiert sind, mit ihnen Handel zu treiben. Diese großen und extrem dunkelhäutigen Ödländer leben in großen Rotten und ziehen durch die Wüste. Ich frage mich, was sie im Leben tun, außer hier und da ein Tier zu erlegen, zu saufen und sich zu prügeln, während die Si’llem in friedfertiger Weise miteinander umgehen! Und die armen Si’llem müssen unter ihren ständigen Angriffen leiden… Ich würde diese Shau’lan am liebsten alle ausrotten!’

Es ist zu bemerken, dass die Si’llem nicht besonders alt werden. Ihre Lebenserwartung liegt bei 30 bis 40 Jahren, wobei die Frauen älter werden als die Männer und beinahe alle Männer einem schleichenden Altersschwachsinn anheim fallen. Dennoch ist die Si’llem-Gesellschaft eine von Männern dominierte. Junge Männer ersetzen schwachsinnige alte recht schnell. Bemerkenswert ist aber, dass diese kleinen Menschen trotz der Not, in der sie leben und dem Mangel, der im Ödland herrscht, sehr starke soziale Bande knüpfen und selbst die Alten, die dem Stamm kaum mehr nützen, bei sich behalten, füttern, waschen und sich um sie kümmern bis sie sterben.
Sie haben den Glauben an die Guten Götter schon vor langer Zeit angenommen und verehren besonders Menoa als ihre Schutzheilige.
Der Name Si’llem bedeutet nach eigenen Aussagen der Stammesmitglieder; ‘Mit einem Lächeln’. Diese Bedeutung fasziniert besonders, da die kleinen Menschen anscheinend wirklich alles mit einem Lächeln nehmen und ihre Gesichter bereits in jungen Jahren von zahlreichen Lachfalten gefurcht sind.

Die Betrachtungsweisen von bestimmten Ödländerstämmen oder Ödländern an sich sind je nach Kaste und Assra-Tar sehr unterschiedlich. Eine weit verbreitete Meinung im Zirkel des Lichtes ist zum Beispiel, dass jeder Ödländer ein ehemals zum Sterben Verurteilter war, der sich göttlichem Willen widersetzte, indem er doch am Leben blieb und gar Kinder in diese gottlose Welt setzte. Kinder, die wiederum ein Volk gründeten, das die wahren Götter verleugnete, und sich von ihrem Antlitz abwandte.
Natürlich ist das eine sehr harte Einstellung, die man vielleicht leichter gegen einen Siecher, als gegen einen Si’llem mit seinem entwaffnendem Lächeln durchsetzen kann.

Die Wächter des Lebens zum Beispiel sehen die meisten Ödländer als bloße Opfer. Genau wie die Tiere haben sie sich fortgepflanzt und zu überleben versucht. Ein normaler Prozess des Lebens, der wenn er funktioniert doch darauf hinweist, dass Menoas Einfluss niemals gänzlich erloschen ist, was sich somit auch auf die anderen Götter ausweiten lässt. So könnte die Existenz von Ödländern gar als ein hoffnungsvolles Omen gesehen werden.

Die Bruderschaft der Macht betrachtet es wie immer am vorsichtigsten und erlaubt sich ein Urteil nur im Einzelfall. In den Hallen von Sonoir gibt es Listen, auf denen verschiedenste Stämme von Ödländern aufgezeichnet, und ihre Riten, Bräuche und Verhaltensweisen niedergeschrieben wurden. Die Schlichter raten dazu einen jeden Ödländer als Shim anzusehen, der von niederer Herkunft ist. Erst wenn sein Intellekt geprüft wurde, kann man entscheiden, ob sich eine Missionierung lohnt, oder eine Ausrottung des fraglichen Stammes stattfinden muss.

Am Ende hängt die Einstellung von persönlichen Erfahrungen, den Werten der Kaste und dem Charakter des Assra-Tars ab. Besonders Charaktere, die viel Barmherzigkeit an den Tag legen, werden den Ödländern gegenüber aufgeschlossener sein, als jene, die voller Stolz sind.